Das helle runde Objekt auf der MRT-Aufnahme ist der Tumor, unter dem Ruth Suter jahrelang litt. mar
1/2 Das helle runde Objekt auf der MRT-Aufnahme ist der Tumor, unter dem Ruth Suter jahrelang litt. mar
Heute kann Ruth Suter wieder lachen: Seit der Tumor entfernt wurde, ist sie wieder voller Energie und Lebensfreude. mar
2/2 Heute kann Ruth Suter wieder lachen: Seit der Tumor entfernt wurde, ist sie wieder voller Energie und Lebensfreude. mar
12.02.2020 10:00

Falsche Diagnose führte fast zum Tod: «Niemand nahm mich mehr ernst»

Lichtensteig Ruth Suter litt jahrelang unter einem Hirntumor. Doch sie wusste nichts davon. Denn sämtliche Ärzte machten psychologische Probleme für die stärker werdenden Beschwerden verantwortlich. Heute hat sie den Tumor überstanden. Was bleibt, ist die Wut darüber, dass ihr niemand geholfen hat.

«Das hier ist meine Leidensgeschichte», sagt Ruth Suter und legt einen dicken Stapel Papiere vor sich auf den Tisch. Unter den Papieren befinden sich zahlreiche Arztberichte, die Informationen zum dunkelsten Kapitel ihres Lebens enthalten. Die Ärzte, bei denen die 58-jährige Barbesitzerin in dieser Zeit in Behandlung war, waren sich einig: «Alle sagten, ich hätte psychische Probleme.» Davon, dass Suter an einem Hirntumor litt, ist in den Dokumenten aber nichts zu lesen.

Der Blutdruck war extrem hoch

Ihr Leiden begann 2014, zehn Jahre nachdem sie die Spanische Weinhalle in Lichtensteig übernommen hatte. Damals machten sich erste gesundheitliche Probleme bemerkbar. «Ich bin zäh und renne nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt, doch damals war mir wirklich komisch», sagt Suter. Zunächst suchte sie einen Naturheiler auf. Dieser riet ihr, zu einem Arzt zu gehen. Denn ihr Blutdruck war extrem hoch. Vom Arzt erhielt sie Medikamente. Ihr Zustand verschlechterte sich aber stets. In den Folgejahren nahmen die Beschwerden zu. War ihr zunächst oft schwindlig, machten bald auch das Gehör, der Geruchssinn und das Gedächtnis Probleme. «An viele Ereignisse aus dieser Zeit erinnere ich mich gar nicht mehr», sagt die Lichtensteigerin. Zudem kamen Rückenschmerzen und Atembeschwerden hinzu. Sie suchte zahlreiche Ärzte und Naturheiler auf, doch keiner konnte eine körperliche Ursache für die Beschwerden finden. Deshalb gingen die Ärzte davon aus, dass Suters Beschwerden psychologischer Natur seien. «Ich wurde mit Medikamenten vollgepumpt, aber all die Jahre hat niemand jemals ein Röntgenbild gemacht.»

Alkoholikerin mit Depressionen

Da ihre Leber- und Blutwerte nicht gut waren, kam ein Arzt zum Schluss, dass sie Alkoholikerin sei. «Da mein Gedächtnis unzuverlässig war, nahm ich jeweils Zeugen zu den Arztterminen mit. Als ein Arzt meine Begleitung fragte, ob ich Alkoholikerin sei, lachte diese und verneinte.» Trotzdem erhielt sie die Diagnose «Alkoholikerin mit Depressionen». Suters Lebenssituation wurde immer schwieriger. Bald konnte sie nicht mehr arbeiten und war auf fremde Hilfe angewiesen. «Ich lebte einige Jahre lang abwechselnd bei meinen Töchtern und anderen Verwandten. Sie pflegten mich und verstanden nicht, weshalb mir niemand helfen kann und will.» Suter fühlte sich stets antriebslos und konnte die einfachsten Aufgaben im Alltag nur mit Mühe schaffen. Und bei den Arztbesuchen musste sie eine Menge über sich ergehen lassen. «Ein Arzt unterstellte mir, dass ich nur käme, um ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis zu erhalten.» Immer mehr Kliniken wollten sie nicht mehr weiter behandeln. «Niemand nahm mich mehr ernst», sagt Suter.

Operation dauerte zwölf Stunden

Plötzlich ging alles sehr schnell: Am 19. September 2018 kollabierte Suter dreimal hintereinander und konnte nicht mehr aufstehen. Sofort wurde sie ins Spital Wattwil gebracht, wo die Ärzte schliesslich mittels Magnetresonanztomographie (MRT) einen faustgrossen Hirntumor fanden. Am 8. Oktober 2018 folgte die Operation. «Ich bin froh, dass ich zwei so grossartige Chirurgen hatte», sagt Sutter. Zwölf Stunden dauerte es, bis die Chirurgen den Tumor aus dem Gehirn der Lichtensteigerin entfernt hatten. Unmittelbar nach der Operation hatte Suter weiter mit Gedächtnisproblemen zu kämpfen. So erkannte sie Personen nicht mehr, die sie seit Jahrzehnten kannte. Doch sie erholte sich rasch. «Nach der Operation fühlte ich mich, als wäre ich zum ersten Mal seit Jahren richtig erwacht.» Ruth Suter ist ihren Verwandten und Freunden dankbar, dass sie stets zu ihr hielten, sie pflegten und bei sich wohnen liessen. Zudem hat Suter heute mehr Energie als je zuvor: «Ich streiche zurzeit die Wände der Wohnungen über der Bar neu. Und ich unternehme viel mit meinen Enkeln.» Ende 2020 will sie die Leitung der Spanischen Weinhalle abgeben. Denn es zieht sie in eine andere Richtung: «Ich mache den Pflegehelferinnen-Grundkurs des Roten Kreuzes und will anschliessend in der Pflege arbeiten.»

Sie will die Ärzte nicht verklagen

«Einer der Ärzte wurde damals entlassen. Heute praktiziert er aber wieder», sagt Suter. Rechtlich gegen die Ärzte vorgehen will Suter aber nicht. Stattdessen ist es ihr ein Anliegen, andere Menschen vor derselben Tortur zu bewahren. So habe auch ein Bekannter von ihr über seit eineinhalb Jahren anhaltende Kopfschmerzen geklagt. «Ich habe ihn überredet, sich untersuchen zu lassen.» Tatsächlich fanden die Ärzte auch dort einen Tumor, der erfolgreich entfernt werden konnte. «Ich bin froh, wenn ich jemandem das Leid ersparen kann, das ich erlebt habe.»

Manuel Reisinger